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Im Block

Ein Haftbericht. Mit 32 Bildnotizen des Verfassers

von Kempowski, Walter   (Autor)

Wie kaum ein Schriftstellerleben ist die Biographie Walter Kempowskis von der Geschichte der beiden deutschen Staaten geprägt. Seine Erzählung »Im Block« ist die unbestechliche Momentaufnahme einer Zwangsgemeinschaft am Rande der Gesellschaft. Im Jahr 1948 wird der 19jährige Walter Kempowski aus Rostock wegen angeblicher Spionage von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Haft verurteilt. Acht Jahre sitzt er im berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen. Dann wird er begnadigt. 1969 erscheint sein beklemmender literarischer Bericht aus einer Welt außerhalb des bürgerlichen Alltags. »Im Block«, das ist ein Leben in drangvoller Enge, isoliert, passiv, inhaltsarm. Die Häftlinge bilden eine eigene Gesellschaft, die geprägt ist vom Eingeschlossensein, von qualvoll gedehnter Zeit und von seltenen Augenblicken, die nur entfernt an das Glück eines erfüllten Daseins erinnern. Entstanden sind eindringliche, scharf ausgeleuchtete Bilder einer Existenz, die den Betroffenen all das verweigert, was menschliche Selbstverwirklichung ausmacht: Arbeit, Liebe, Besitz. 1987 erschien dieser Bericht, der den Beginn der schriftstellerischen Existenz Walter Kempowskis markiert, erstmals im Knaus Verlag, ergänzt um während der Haft angefertigte Zeichnungen des Autors. >

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Produktbeschreibung

Wie kaum ein Schriftstellerleben ist die Biographie Walter Kempowskis von der Geschichte der beiden deutschen Staaten geprägt. Seine Erzählung »Im Block« ist die unbestechliche Momentaufnahme einer Zwangsgemeinschaft am Rande der Gesellschaft.

Im Jahr 1948 wird der 19jährige Walter Kempowski aus Rostock wegen angeblicher Spionage von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Haft verurteilt. Acht Jahre sitzt er im berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen. Dann wird er begnadigt. 1969 erscheint sein beklemmender literarischer Bericht aus einer Welt außerhalb des bürgerlichen Alltags. »Im Block«, das ist ein Leben in drangvoller Enge, isoliert, passiv, inhaltsarm. Die Häftlinge bilden eine eigene Gesellschaft, die geprägt ist vom Eingeschlossensein, von qualvoll gedehnter Zeit und von seltenen Augenblicken, die nur entfernt an das Glück eines erfüllten Daseins erinnern. Entstanden sind eindringliche, scharf ausgeleuchtete Bilder einer Existenz, die den Betroffenen all das verweigert, was menschliche Selbstverwirklichung ausmacht: Arbeit, Liebe, Besitz. 1987 erschien dieser Bericht, der den Beginn der schriftstellerischen Existenz Walter Kempowskis markiert, erstmals im Knaus Verlag, ergänzt um während der Haft angefertigte Zeichnungen des Autors. > 

Kritik

"Das Ungewöhnliche dieses Buches liegt in seinem stilistischen wie moralischen Gestus. Ohne Sentimentalität oder Pathos wird hier eher kühl, in jedem Fall leidenschaftslos und daher umso eindringlicher registriert." Fritz J. Raddatz anlässlich der Verleihung des Lessing-Preises 

Leseprobe

Im Morgengrauen holten sie mich aus dem Bett. Zwei trugen Lederjacken. Da hast du was zu melden, wenn du wieder rüberkommst, dachte ich. Einer nahm aus dem Wäscheschrank Briefe und Tagebücher. Ein anderer strich über die Tapete.
Zwei Pullover zog ich mir über, meinen Ring konnte ich unbemerkt in die Nachttischschublade abstreifen.

Sie legten mir keine Handschellen an. Beim Hinuntergehen faßte einer mit zwei Fingern meinen Ellbogen.
Oben stand meine Mutter mit aufgelöstem Haar.
Auf der Straße Doppelposten mit Gewehr.
Im Fenster des Hausmeisters bewegte sich die Gardine; im Schaufenster der Drogerie Fotos vom Strand.

Im Opel Olympia: Trug der Fahrer eine Pickelmütze?
(In Riga erstach man die Stadtverordneten und warf sie in einen Brunnen.)
Ich hielt mich an der Troddel fest und suchte die Straße nach Bekannten ab. Da drüben hatte immer der alte Weltzin in seinem Erker gesessen.

Ein Bretterzaun versperrte die verbotene Villenstraße. Glatzköpfige Russenkinder davor. Rasch war der Schlagbaum aufgeseilt, ein Ausweis wurde nicht verlangt. Alle Türen standen offen. Von Offizieren geleitet, schritt ich die Treppe hinauf.
Der Wachhabende saß auf einem Gartenstuhl. Er hatte die Ärmel hochgestreift.

Im Keller nahm mich ein freundlicher Mongole entgegen. Krawatte abbinden – ich trug eine rote –, Schnürsenkel herausziehen, Brieftasche hingeben. Brille ab.
Mit Stacheldraht umwobene Gitterstäbe: Kette und Schuß. Vor der Nachbarzelle stand eine Beinprothese.

Erstes Verhör in einem Wohnzimmer.
An der Wand ein StalinBild. Drei Offiziere mit hängenden Orden um mich herum. Ich antwortete nach allen Seiten.
Einer strich mir übers Haar: Guter Junge.
Er stellte ein Bein auf den Stuhl, fummelte an meinem Identification Pass und zählte es an den Fingern her: Aus dem Westen gekommen, Labor Company der U.S. Army, AmiHose – also Spion.
Im Straßenlautsprecher Chopin.

Ich war drei Schritte hinter mir. Große Entfernung trotz Naheinstellung. Zahlenziffern am Fadenkreuz. Kein Hättedoch, kein Gedanke an Morgen, keinerlei Reim.
Reines Heute.

Im Keller schlossen sie mich in eine provisorische Zelle. War das ein Weinkeller gewesen? Ein Kanten Brot lag auf dem Kübel.
Ich legte mich auf die Pritsche und zitterte am ganzen Leib. Nach einer halben Stunde waren sechs Stunden vergangen. Sie schlossen mich wieder heraus.

Ich mußte wieder in das Auto steigen. Rasche Fahrt durch Regen. Der Begleiter gab mir eine Zigarette nach der andern.
An einer Bahnschranke gab es Aufenthalt. Gute Fluchtgelegenheit: Sie ließen mich aussteigen zum Füße vertreten. Keine Hunde, keine Fessel, Wald.
Der Zug fuhr langsam vorüber.
Spätabends waren wir in Schwerin.
Dunkle Toreinfahrt in weißbeworfener Wand. Auf der Zinne zerbrochenes Glas.
(Hier kriegst du Prügel.)
Der Begleiter bekam für mich eine Quittung und ging fort, ohne mich noch einmal anzusehen.

Weh mir, wenn es Winter wird!

Ein Mensch, vor dem ich sehr erschrak, öffnete mir Jacke und Hose.
Er suchte nach Waffen.
Dann trieb er mich durch Gänge – »schnöll! schnöll!« – und schob mich in eine Zelle. Es war die Nummer 54.
Würde man hier später einmal eine Bronzetafel zur Erinnerung an meine Leidenszeit anbringen?
»Nix sprechen, nix liegen, nix schlafen, nix singen, nix klopfen, nix Fenstergucken«, sagte der Posten. Alle übrigen Verbote hatte ich zu ahnen.
Ich hängte meinen Mantel an einen Haken in der Tür. Da klatschte es draußen. Ich hatte eine Signalvorrichtung ausgelöst, durch die der Posten herbeigerufen wurde.
Er kam schimpfend angerannt und donnerte gegen die Tür.

Die Zelle war leer. Eine eingebaute Pritsche mit Strohsack als einziger Einrichtungsgegenstand.
Ich stellte mich an die Heizung und wärmte mir die Füße.
Irgendwo klopfte es. Im Terrazzofußboden tausend Bilder: Hund, Fisch, Palme. Eine alte Frau mit Holz.
Jemand hatte ins Trinkwasser gerotzt.

Ich legte mich auf die Pritsche.
Kaum lag ich, kam der Posten. »Nix liegen!« Erst wenn die Glocke klingelte, war das Schlafen erlaubt.
Also wieder hoch und warten. Bis gegen Mitternacht wanderte ich auf und ab, dann endlich klingelte es.

Am anderen Morgen studierte ich an den gekalkten Wänden die Kritzeleien meiner Vorgänger:

Und wieder ging ein junges Leben
unaufgeblüht ins Grab,
das allzu hast’ge Streben
riß ihm den Faden ab.

Ein Mensch namens Lunow hatte sich wohl zwanzigmal verewigt. Ich schrieb meinen Namen überall dahinter.

An allen Wänden Kalender. Einer mit siebzig Strichen.
Ich legte mir gleich drei an. 8. März 1948. Überm Bett einen, wenn ich aufwachte, an der Tür und unter dem Fenster. Die Striche machte ich für eine Woche im voraus. So lange würde ich ja doch noch sitzen.
Mit dem Austreten war’s schwierig; als Kübel diente eine Vase mit engem Hals.

Ob sie uns lieben oder hassen –
einmal müssen sie uns doch entlassen.

Gegen neun Uhr reichte mir der Posten einen Kanten Brot. Dazu gesüßten Gerstenkaffee und eine Vitamintablette.
Endlich konnte ich auch das Trinkwasser wechseln. Die Aule schwamm davon.

Zu Mittag bekam ich Rübenwasser mit drei angebratenen Speckwürfelchen. Und wieder gab mir der Koch eine Vitamintablette.
Ein Zellennachbar morste: »Dünn wie Pisse!«

Das Brot teilte ich mit dem Löffelstiel in dreißig fingerlange Stücke. Die Krusten legte ich extra, desgleichen das »Marzipan«: die millimeterstarke Schliffschicht.
Vielleicht sollte man hier beten? Ich tat’ s, dann wandte ich mich vom Spion ab und lutschte Stück für Stück.
Hin und wieder durchfuhr es mich: Hast du auch bestimmt gebetet? Vielleicht sollte ich es sicherheitshalber noch einmal tun?

In der Nacht, kurz vor dem Klingeln, holten sie mich zur Vernehmung. Durch Käfigventile und Gitterschleusen trottete ich hinter dem Posten her. Auf jeder Treppe Schlüsselsignale am Geländer: Hier durften Gefangene sich nicht begegnen.
Über eine Seufzerbrücke ging es ins Justizgebäude. Unter dem Fenster ein Kokshaufen, der würde mich abfangen, wenn ich aus dem Fenster spränge. Oder die Treppe hinunterrasen … am Posten vorbei.
Halb zwölf, Uhrzeit merken.


Der Untersuchungsrichter, ein Major, schritt über die Ankerteppiche, Hände auf dem Rücken. Wie sollte er es anfangen?
Vera, die hübsche Dolmetscherin, kaute Nägel.
Gardinen und Übergardinen, Deckenlampen wie Puddingschüsseln: Mein Stuhl stand, wie kein Stuhl in der Welt, am äußersten Rand des Zimmers.

Der Untersuchungsrichter sah mir ins Auge. Gleich mußte er sich entscheiden, ob er mich schlagen würde. Ein paar Sekunden starrten wir uns an. Dann lächelte er und gab mir eine Zigarette. Die glorreiche Rote Armee vergreift sich an keinem deutschen Jüngling, einem jungen Menschen, der vermutlich nur in die Irre gegangen ist.
In der Ferne tutete ein Zug.
Drei Stunden später waren wir im reinen. Indizien erleichterten die Verständigung. Zwei Stunden Schlaf blieben mir.

Dann übernahm Kapitän Scherkow die Ausschmückung meines Falls. Nacht für Nacht wurde ich geholt.
Hunderte von Seiten schrieb er voll mit violetter Tinte, zwischendurch Fingermassage und hin und wieder eine Frage.
Unvermittelt sagte er auch so etwas: »Apfelblumen alle kapuht!« (In der Nacht hatte es gefroren.)
Weil ich die Sowjetunion Rußland nannte, mußte ich in der Ecke stehen.

Scherkow hatte drei Orden. Er spuckte in die Schublade seines Tisches.
Ob ich Gummerstock kennte?
Er riß einen Gummiknüppel aus dem Schreibtisch und rief, mit dem würde ich es zu tun bekommen, wenn ich nicht die Wahrheit sagte!


Sein Dolmetscher hieß Nikolai, ein Arbeiterjunge mit gewelltem Haar. Er ordnete Lineal und Bleistifte und wischte Tabakkrümel mit gekrümmter Hand vom Tisch. Ab und zu unterhielt er sich mit mir.
Warum ich Spionage gemacht hätte, wollte er wissen. Die Sowjetunion verfüge über 200 Millionen Menschen, demnächst würden es sogar 220 Millionen sein, und gegen die hätte ich mich aufgelehnt!
Wer zwischen die Mühlsteine gerate, werde zerquetscht.

Er hatte Angst vor irgendeiner Prüfung. Ich half ihm bei den Schularbeiten. Was ein »Landser« sei und »Kimme und Korn«.
Er behauptete, es heiße »trotz alles«. »Trotz« regiere den zweiten Fall.
Ich konnte ihn nicht davon abbringen.

Es täte mir leid, sagte ich, daß ich gegen die Sowjetunion gearbeitet hätte. Ich würde den Schaden gern wiedergutmachen …
»Dazu sind Sie zu dumm«, antwortete Nikolai.
»Könnte ich einen Pfarrer sprechen?« fragte ich ein andermal. Da antwortete er: »Wenn Sie beichten wollen, dann tun Sie das hier.«
Dem Pfarrer hätte ich Grüße an meine Mutter zugeraunt: Hau ab nach Berlin!

Einmal versuchte ich, Scherkow zu einer Tatortbesichtigung zu verleiten, wegen meines Grenzübertritts nach Westdeutschland im vorigen Jahr. Da lachte er sehr.

Hin und wieder gab mir Scherkow was zu Rauchen. Einmal bedankte ich mich zweisprachig: »Spassibo, danke schön.« Das fand er witzig. Ob ich das auch auf englisch sagen könnte?

Ich tat es.
Da freute er sich: Was für einen Gefangenen haben wir! Er erklärte es sogar dem Posten, der nicht wußte, ob er darüber lachen durfte.
Ich wollte es noch besser machen und fügte »Merci, Monsieur« hinzu.
Da winkte er ab. Nun sei es genug.

Nach zehn Tagen machte ich ihn darauf aufmerksam, daß mein Interzonenpaß bald ablaufe.
Auch das erregte Heiterkeit. Darüber sollte ich mir man keine Sorgen machen.

Meistens ließ Scherkow erst gegen Morgen von mir ab. Auch er mußte sein Soll erfüllen. Die Fragen verfolgten mich bis in die Träume.
»Nennen Sie spionische Agenten …« Das war die unangenehmste.
Einmal schrie ich im Schlaf und schreckte auf. Der Posten kam, deckte mich zu und sagte: »Ruhig, Waltera …«
»Nennen Sie spionische Agenten …«
Um endlich Ruhe zu haben, dachte ich mir Agenten aus. Die Namen entlehnte ich aus Shakespeares Dramen.
Auf meiner Arbeitsstelle in Wiesbaden sei so eine merkwürdige Type gewesen, sagte ich, sicher ein Spion. Ein gewisser Rosenkranz.
Und in Hamburg, in der Adolfstraße wohne ein Mensch namens Güldenstern, der habe mich mal um Informationen gebeten.
Sofort kriegte ich Zigaretten. »Karascho!« Alles wurde notiert.
Die Liste der Agenten erweiterte sich. Ich mußte sie täglich repetieren: Paul Jago, Güldenstern und Richard Gloster.

Saß ich tagsüber beim Verhör, dann wurde mir das Essen auf die Heizung gestellt. Die Vitamintablette lag im Löffel.

Nach einem Monat hatten sie alles beisammen, ich wurde nicht mehr geholt. Stunde um Stunde marschierte ich auf und ab, siebzehn Stunden lang fünfzehn Kilometer pro Tag, zählte Büchertitel auf oder definierte den Unterschied zwischen Mut und Tollkühnheit.

Was war mit Erasmus von Rotterdam? Was mit Hieronymus im Gehäus?
Wo lag Antofagasta? Oder hieß es Autofagasta?
Dreimal siebenundfünfzig plus einhundertundsechsundachtzig.
Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Weiße Blasen seh ich springen;
Wohl! Die Massen sind im Fluß.
Laßt’s mit Aschensalz durchdringen,
Das befördert schnell den Guß.

Durch eine Türritze konnte ich einen Blick auf den Korridor werfen:
Huschende Schatten; ein alter Mann, den sie stießen.
Über die Türritze hatte einer geschrieben: Nicht hinauslehnen!

Wenn der Posten auf der gegenüberliegenden Gangseite die Spione hochschob, gab es ein feines, quietschendes Geräusch. Kam es in meine Nähe, dann ging ich sinnend auf und ab. Oder ich brütete vor mich hin: Ein einsamer Mensch.
»An Mutter denken?« fragte der Posten durch die Tür.
Ich dachte meistens ans Essen: Mal eine Kartoffelsuppe kriegen oder Erbsensuppe. Weiße Bohnen.
Milchreis mit Zimt und Zucker?
Lange würde man das hier nicht aushalten. Wie gut, daß ich mich in Wiesbaden so ausgefuttert hatte.

Zeitweilig stellte ich mir die Zelle als Schiffskajüte vor. Ringring! Beide Maschinen volle Kraft voraus!
Unterm Bett würde ich ein Schapp anbringen für Schiffszwieback und Dauerwurst. Und unters Fenster käme ein bequemer Sessel.
Alles mit Mahagoni täfeln und Pfeife rauchen.

Sonntags spielten die Posten in der Zellenhalle Fußball. Sie bolzten gegen die Türen; man fuhr zusammen, wenn es einen traf.
Manchmal begossen sie sich mit Wasser.
Einer stellte in der Nacht seinen Stuhl vor meine Zelle und kippelte gegen die Tür.
Auf dem Weg zum Kübeln begegnete mir eine gefangene Frau. Schwarzer Rock, roter Pullover. In den Händen hielt sie eine Kaffeekanne.

Sag beim Abschied leise »Servus« …

Ich tat, als sähe ich sie nicht.
Ein Gutes hatte der Hunger, man wußte immer, woran man denken mußte.
Der Kübel mußte in der Kübelzelle in einen großen Trichter entleert werden. Einmal war er verstopft. Der Posten zeigte aufs Knie, ich sollte es öffnen.
Ich nahm die Platte ab und fuhr mit der Hand hinein. Glasscherben und Monatsbinden hatten sich vor den Abfluß gesetzt.
Plötzlich gab’s Luft. Ein dicker Kotstrahl schoß aus der Öffnung hervor. Ich sprang zur Seite. Der Posten schimpfte. Ich hätte die Platte wieder vor die Öffnung schieben sollen.
Er ließ mich eine halbe Stunde im Dreck stehen, dann holte er mich heraus und schlug mich mit dem Schlüssel.

Der Koch war zu kleinen Hilfsdiensten bereit. Er gab mir einen Handfeger und eine Waschschüssel.
Drei Wochen dauerte es, bis er begriff, daß er mein Fenster öffnen sollte. Dann kriegte ich es nicht wieder zu, tagelang saß ich im Kalten.
Jede Woche schor er mir mit einer Haarschneidemaschine den Bart.
Im April endlich auch das verfilzte Haar.
(Letzter Haarschnitt noch in Wiesbaden, halb liegend, mit elektrischer Kopfmassage und Dampfkompressen.)
Im Kaffee betrachtete ich meine Glatze. Ein ungewohnter Anblick.

Hin und wieder benutzte ich zum Waschen und Essen nur die linke Hand. Die rechte hielt ich in der Tasche. Fit halten; was mitbringen, wenn’s nach Hause geht.
Oder ich jonglierte mit dem Handfeger: »Das hab ich im Knast gelernt.«

Die Pritsche war zu hoch, man konnte die Beine nicht richtig auf den Boden setzen.
Würden sie die Uhr vom Uhrmacher holen? Der Schein lag auf dem Tisch.
Was würden sie sagen, wenn ich plötzlich vor der Tür stünde?
Ich hätte auf den Balkon rennen sollen, auf den Blumenabsatz klettern, übers Teerdach laufen, in eine Bodenluke steigen, durch das Treppenhaus hinunter in den Keller. Hinter einer Kartoffelkiste warten, bis sie gegangen sind.

Das Fenster war mit einer Blende aus Brettern vernagelt. Ein schmaler Streifen Himmel war sichtbar und das gegenüberliegende Dach. (Ostern schneite es.) Den wandernden Schatten der Sonne auf den Ziegelreihen. Wenn er an die Luke reichte, gab’s Abendsuppe.

(Die Fingernägel wachsen lassen wie ein Chinese. Auch die Haare. Die Zelle bis zum Bersten mit Körper ausfüllen. Samson zwischen den Säulen.)

Flüstern, bis der Hals dick ist. Kein lautes Wort. Angst vor der eigenen Stimme.
Wachträume: Eine ungenannte, hochgestellte Persönlichkeit setzt Hafterleichterungen für mich durch. Paketempfang jeden Monat. Begnadigung zu zehn Jahren Freiheitsentzug, abzumachen in einem Büchermagazin.
Oder verstoßen und verraten – von Krankheit verzehrt auf einem Lumpenhaufen liegen, wimmernd um Wasser flehen …

(In Peru zog man den Gefangenen die Gesichtshaut ab und fesselte sie nackt an ein hölzernes Gestell. Damit waren sie den Raubvögeln preisgegeben.)

Zahnschmerzen. Der Posten steckte mir eine Papirossa in den Mund und rief die Ärztin.
Die Ärztin zog mich am Ohr, weil sie Staub auf dem Fußboden bemerkte. Sie griff in die Tasche und holte eine Handvoll schmuddeliger Pillen raus.
Ich durfte mir eine aussuchen.

Im zweiten Stock zerschlug einer die Scheiben und schrie: »Meine Frau! Meine Kinder!« Er wuchtete die Eisenpritsche in die Höhe und ließ sie krachend fallen.
Ich kürzte mir die Fingernägel mit einer Glasscherbe. Bei dem Durcheinander brauchte ich nicht zu befürchten, daß sie mich dabei überraschten.

Einmal versuchte ich, mich mit Löffel und Taschentuch zu erdrosseln. Zuckend lag ich am Boden.
Ich hätte mir auch einen Finger abbinden können: Tod durch Leichengift.
Wenn man hier krank werden würde, käme man dann in ein Lazarett?

Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft!
Der Bauer stund auf im Lande,
Und tausendjährige Bauernkraft
Macht Schild und Schärpe zuschande!

Am 10. April erster Spaziergang auf dem Hof. Kosmos!
In der sauberen Gashülle gediehen Märzbecher und Narzissen.
Auf der Mauer eine Schußkanzel. Der Posten fragte: »Du Nmetzky?«
»Njet, Amerikanski!« antwortete ich.

Kurz darauf bekam ich ein Bündel von zu Hause, das hatte meine Mutter gepackt, ein richtiges Kopfkissen, Wäsche, Schuhe und sogar eine Zahnbürste.
Im Pullover lag ein Stück »Ivory«Seife.
Die Sachen waren in das dicke italienische Plaid meines Großvaters gewickelt. Wunderbare Wolle. (1936: Ferien an der See; Jesse Owens läuft zehn zwo.)

Ich wusch mich mit der parfümierten Seife, putzte mir zum erstenmal wieder die Zähne, zog frische Wäsche an und machte mein Bett. (Ob man die Uhr geholt hatte?) 

Autoreninfo

Kempowski, Walter
Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Sohn eines Reeders in Rostock geboren. Er besuchte dort die Oberschule und wurde gegen Ende des Krieges noch eingezogen. 1948 wurde er aus politischen Gründen von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach acht Jahren im Zuchthaus Bautzen wurde Walter Kempowski entlassen. Er studierte in Göttingen Pädagogik und ging als Lehrer aufs Land. Seit Mitte der sechziger Jahre arbeitete Walter Kempowski planmäßig an der auf neun Bände angelegten "Deutschen Chronik", deren Erscheinen er 1971 mit dem Roman "Tadellöser & Wolff" eröffnete und 1984 mit "Herzlich Willkommen" beschloss. Kempowskis "Deutsche Chronik" ist ein in der deutschen Literatur beispielloses Unternehmen, dem der Autor das mit der "Chronik" korrespondierende zehnbändige "Echolot", für das er höchste internationale Anerkennung erntete, folgen ließ.Walter Kempowski verstarb am 5. Oktober 2007 im Kreise seiner Familie. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seit 30 Jahren erscheint sein umfangreiches Werk im Knaus Verlag. 

Mehr vom Verlag:

Knaus Albrecht

Mehr vom Autor:

Kempowski, Walter

Produktdetails

Medium: Buch
Format: Gebunden
Seiten: 320
Sprache: Deutsch
Erschienen: März 2004
Maße: 224 x 146 mm
Gewicht: 546 g
ISBN-10: 3813502368
ISBN-13: 9783813502367

Bestell-Nr.: 608137 
Libri-Verkaufsrang (LVR): 177244
Libri-Relevanz: 4 (max 9.999)
 

LIBRI: 2566508
LIBRI-EK*: 13.88 € (32.50%)
LIBRI-VK: 22,00 €
Libri-STOCK: 2
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UVP: 0 
Warengruppe: 11110 

KNO: 12431408
KNO-EK*: 13.88 € (32.50%)
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KNV-STOCK: 1

P_ABB: 30 Abb.
KNOABBVERMERK: 2004. 320 S. 30 s/w-Abbildungen. 222 mm
Einband: Gebunden
Sprache: Deutsch

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